Hubert von Goisern: Charismatischer Jodel-Rocker

So ein buntgemischtes Publikum kam noch nie zu einem Konzert des »Internationalen Tübinger Festivals«: Volksmusi-Fans in krachledernen Kniebundhosen standen einträchtig neben abgerissenen Szene-Nachtschwärmern, ganz kleine Zuschauer jubelten ebenso wie 50jährige dem charismatischen Hubert von Goisern und seinen musikalisch exzellenten »Alpinkatzen« zu.

Als der Ex-Weltenbummler 1989 zum ersten Mal in Tübingen gastierte, war der »Zoo« fast leer. Um die 1000 Zuhörer schwitzten aber nun in der Mensa Morgenstelle — und bekamen ein zweieinhalbstündiges Konzert serviert, das nicht nur wegen des Neuigkeitswerts zum Erlebnis wurde.

Klar — die Verbindung aus Volks- (niemals volkstümlicher) Musik, knallhartem Rock und Black-Music-Elementen ist außerhalb eingeschworener Spezialistenzirkel schon neu, und schräg genug für erhöhte Aufmerksamkeit der Medienmaschinerie allemal.

Vom 88er-Plattendebüt »Alpine Lawine« bis zum aktuellen Album »Omunduntn«, vom Total-Flop bis in die Video-Charts hat es der Ziehharmonika-Virtuose und ausdrucksvolle Sänger aber nicht deswegen geschafft. Harte Arbeit (»Spielen, spielen, nochmal spielen«) und vor allem das gewachsene, im Tübinger Konzert immer glaubwürdige und stimmige Konzept dürften dran schuld sein.

Den Jodel-Fans bringt der schlaksige Musiker aus dem österreichischen Kurort Bad Goisern bei, daß Rock-Musik überhaupt nicht weh tut. Andere, die sonst vielleicht eher auf »Nirvana« stehen, erfahren viel über die Schönheit und Kraft, die in manchen tradierten Weisen steckt.

Hubert von Goisern und seine »Alpinkatzen« imitieren nicht, sondern machen ihr eigenes Ding. Die deutsche Nationalhymne in einem zwischen Punk und Polka lavierenden Arrangement, ein gejodelter Reggae, urwüchsige, meditativ klingende A-cappella-»Schwebtmgen« made in Austria: Das alles klingt genauso selbstverständlich und locker gespielt, wie die Pop-Ohrwürmer und Rap-Parodien, die die »Alpinkatzen« ganz nach vorne in die Hitlisten katapultiert haben.

Locker und geschlossen auch deswegen, weil instrumentaltechnische Aspekte bei dieser Band keine Rolle spielen, alle so versiert sind, daß sie ihre volle Konzentration dem Gefühl für die Musik widmen können. Chef Hubert »singt« auf seiner echt steirischen Quetschkommode fast so ausdrucksstark wie mit den Stimmbändern, besitzt einen großen vokalen Dynamikumfang. Keyboarder Stefan Engel, Gitarrist Rainhard Stranziger und Wolfgang Maier am Schlagzeug sind keine Miet-, sondern sehr sehr gute Mitmusiker. Die Stimme der »alpinen Sabine« ist das akustische Sahnehäubchen: Fast schwerelos klingend, sehr klar und trotzdem kräftig unterstützte Sabine Karpfinger den Star aus Bad Goisern. Obwohl gerade erst ein Twen, stieg die exzellente Jodlerin schon vor acht Jahren beim »Walchsee-Seerosen-Trio« ins professionelle Musiker-Dasein ein.

Zu all der musikalischen Qualität kam noch kräftig satirische, die Ansagen Huberts von Goisern waren kabarettreif. »Kommt’s ned, es is‘ scho häßlich g’nug«, sagte er über seinen Heimatort, den er (das ist auch im entsprechenden Blues dokumentiert) über alles liebt.

»Texas is‘ wie Niederbayern« berichtet er über USA-Gastspiele — und »versteh’n tut eh nirgendwo einer was«. Na ja: Zumindest die Hits haben die Tübinger soweit »drauf«, daß sie immer wieder lauthals mitsingen. Am Ende sind sie fast nasser als die Band — und holen die Musiker trotzdem zu Zugaben noch einmal auf die Bühne. (mpg)