Lisa Fitz: Dahinter lauert die Krise

Alles ist »so schön hier auf dieser Vernissage, gaanz tolle Leut‘, a ganz a neue Erfahrung«, schmiert Lisa Fitz den Kabarettgästen in der ausverkauften Reutlinger »Färberei 4« Honig ums Maul. Hinter der aufgekratzten Schnöseligkeit, mit der die Kabarettistin ihr Programm »Heil vom Therapiechaos zur deutschen Ordnung« beginnt, lauert die Krise.

Eine? Ach was — viele! Der »Porschefahrer«, der die ansonsten gutemanzipierte Frau, jeglichen lila Anstand vergessen läßt und sie zum Spielball professioneller Heilsbringer macht, ist beliebig übertragbar und im Publikum wissen viele um die Verwirrung in »der Vielfalt der Trostsysteme«.

Die führt die Fitz mit einer bekannten, aber immer wieder mitreißenden schauspielerischen Souveränität vor. Vor den Augen der begeisterten Zuschauer entsteht ein schillerndes und immer »echtes« Kaleidoskop von Typen und Tröstungen, das vom derben »Reiß‘ di zamm’«-Aufmunterer bis zur spinnerten Farb-Beraterin, vom Pendel-Schwingen (zur Ermittlung der Porschefahrer-Position . . .) bis zum »Woodhealing« reicht.

Da haut Lisa Fitz mit roher Gewalt imaginäre Baumstämme zusammen — und derb und roh sind oft die Sprüche, die sie ihren Figuren in den Mund legt: »Kaufen Sie sich einen Hund, damit wenigstens einer mit dem Schwanz wedelt«, ist der Beitrag der resoluten Hausärztin zum Krisenmanagement.

Die »Färberei«-Besucher quittierten diese Sprüche mit lautem Lachen, geben mit starkem Tritt den richtigen Takt zu Lisas Lied »Ordnung muß sein« und freuen sich riesig, daß die Powerfrau auf der Bühne einen Günther im Publikum so richtig anmacht.

Lisa Fitz spekuliert nach einem Sartre-Zitat laut, daß jetzt alle lachen und klatschen, »weil ja sonst der Nebenmann merken könnte, daß man nichts verstanden hat« — und erntet lauten Beifall.

Das ist – ganz im Gegenteil zu den derbkomischen Sprüchen, die den traurigen Inhalt dieser Bestandsaufnahme humaner Defekte erträglicher machen — genausowenig witzig wie die Trost-Suche im Alkohol, die Lisa Fitz mit viel Sinn für leise Dramatik vorspielt.

Und wenn sie vom »deutschen« als Tätigkeitswort redet, wenn Ordnung der Lebenssinn an sich wird, weil sonst nichts mehr zum Festhalten da ist, dann ist dies nicht zum Lachen, sondern eher zum Heulen. Auch hier erfüllt die Kabarettistin nämlich die klassische Standespflicht mit Bravour: Sie hält dem Rest der Welt den Spiegel vor. Und sie rotzt dazu noch (»Mein Mann ist Perser, ein ganz Perverser«) immer wieder ihren eigenen Standpunkt heraus.

Die souveräne Art und Weise, wie sie das auch als Rocksängerin unverwechselbar tut, ist in ihrer selbstverständlichen Rollenvielfalt einzigartig.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 26. April 1994