Bertoluccis „Little Buddha“: Nur bunte Bilder

»Auch wenn Du die Tasse zerschlägst, ist der Tee immer noch Tee«, erklärt ein Mönch in Bernardo Bertoluccis Film »Little Buddha«. Gemessen am Kern dieser Aussage hat der italienische Regisseur komplett versagt: Blendet man nach zweieinhalb »Little Buddha«-Stunden die vielen bunten Bilder aus, bleibt wenig übrig.

Optik ist alles in diesem Streifen, in dem Bertolucci uns als guter Märchenonkel die Geschichte des Prinzen Siddharta — eben Buddhas — in epischer Breite erzählt. Er hangelt sich aber wie in einem tabellarischen Lebenslauf von einer Station zur nächsten, kratzt nicht einmal an der Oberfläche.

Im Gegenteil: Anstatt zu erklären, deckt Bertolucci den mythenumrankten Weg Buddhas noch mit viel Kitsch zu.

Wo das prinzliche Baby seinen Fuß hinsetzte, wuchsen überall Blumen, erzählt beispielsweise eine Onkelstimme aus dem Off. Der nämliche Säugling tapst dann nochmals 20 Filmsekunden durch den Wald — und die Computer-Krokusse blühen in den schönsten Farben, harmonisch abgestimmt mit dem dicken Verlaufsfilter für den Hintergrund…

Solche plumpen, vordergründigen Einstellungen kennzeichnen den ganzen Film – Weil sich Bertolucci wohl bewußt war, daß eine reine Reihung der Fakten im »Und dann«-Stil gar zu einschläfernd gewesen wäre, trickst er: Ein kleiner US-Boy, Jesse Konrad, wird von buddhistischen Mönchen zum wiedergeborenen Buddha erklärt und erlebt die Jetzt-Zeit in Tibet.

Was es mit der Wiedergeburt auf sich hat, bleibt offen. Ebenso, warum Bertolucci überhaupt die Eltern des kleinen Jesse erdacht hat: Sowohl Bridget Fonda als auch Chris Isaak haben schon rein vom Skript her nichts zu sagen und wenig zu tun — und der hauptberufliche Rocksänger nervt durch unsägliche Untalentiertheit.

In die schematisierte Struktur paßt, daß die US-Welt fast einfarbig in kaltem Blau gefärbt ist, die Leinwand aber im rot-gelben Farbenrausch strahlt, wenn es um Buddha oder nach Tibet geht. Und nach zwei Dritteln gut gemachter Inhaltsleere wundert sich der Kinofan auch nicht mehr darüber, daß es neben dem weißhäutigen Jesse-Buddha auch noch einen dunkelhäutigen sowie eine Buddha-in gibt…

Ganz am Ende sind alle glücklich: Der alte Mönch ist auf dem Weg in ein nächstes Leben, die Konrads sind wieder daheim und der Kinobesucher kann diesen entsetzlichen Schmarrn endgültig vergessen und anderswo nach cineastischer Erleuchtung suchen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 17. März 1994