Jostein Gaarder: Übers Denken nachgedacht

Jostein Gaarder, der norwegische Bestsellerautor, zeigte sich in der mit 300 Gästen proppevollen Reutlinger Buchhandlung Osiander — neben allem Philosophischen — als ein witziger Unterhalter. In dem für deutsche Ohren sehr singenden Akzent seiner Landsleute redete er in deutscher und englischer Sprache wasserfallartig über seine Bücher und sein Anliegen.

„Wir müssen wieder wie Kinder werden, Zeugen eines erneuten Schöpfungsvorgangs sein“, lautete eine Forderung des ständig ironisierenden Autors. Mit dem Babyschwimmen verglich Gaarder die Philosophie und das Denken: „Philosophie ab 18 — das ist Quatsch. Denken ist angeboren.“

Sein über 600 Seiten starker Erfolgsroman „Sofies Welt“, erschienen im Hanser-
Verlag, sei „schon degoutant — aber typisch philosophisch“. Eigentlich hat er die leicht faßliche Weltgeschichte der Philosphie ja für Jugendliche geschrieben — aber der Roman („Ich wollte kein Fachbuch schreiben“) kommt überall an.

„Ich dachte, das Buch würde zwischen alle Stühle fallen — aber es ist auf alle Stühle gefallen“, meinte Gaarder. Es sei ihm schon klar, daß die Bibliotheken bei der Schlagwortsuche Probleme hätten — aber auf die Frage nach der Einordnung bliebe ihm „nichts als ein eindeutiges Ja…“

„Ohne Wissen um unsere Geschichte sind wir gewissermaßen im geistigen Urzustand“, verkündete Gaarder und ließ leise Kritik an der sogenannten „postmodernen“ Welt anklingen, in der „alles in losgelösten Brocken serviert wird“ — ein Vorwurf, von dem er sich selbst auch nicht ganz freimachen kann.

„Wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, kann es wichtig sein zu wissen, woher wir kommen“, teilte Gaarder mit und konstatierte: „Wir sind einfach nicht gut im Glücklichsein“.

Aber eigentlich, so erfuhren die Zuhörer, sei er mehr an Fragen interessiert als an Antworten — und so erfuhr eine Fragerin nichts über seine eigene Lebensphilosophie. Ob er denn nicht Angst habe, mit seiner Anstiftung zum eigenständigen Denken dereinst zu enden wie der vergiftete Sokrates, wollte ein anderer wissen.
„Das ist eine einmalige Frage. Daß ich lebe, ist eine späte historische Rache“, meinte Gaarder dazu. In dem kurzen Dialog mit seinen Lesern fand Gaarder auch eine Erklärung dafür, warum Frauen mehr lesen als Männer: „Frauen wollen verstehen, Männern ist es wichtiger, verstanden zu werden“.

Eine analytische Frage zum Ende von „Sofies Welt“ schmetterte der Autor, bevor er in norwegisch einen Abschnitt vorlas, ab: „You know, there’s a little Geheimnis in it. Keiner liest einen Krimi, wenn der Mörder bekannt ist“. Sprach’s und verabschiedete sich nach knapp 90 Minuten von seinen Zuhörern.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 10. März 1994