Lebewohl meine Konkubine im Kino: Zart und schön

Ein Fest für Augen und Ohren, betörend und fesselnd: »Lebewohl meine Konkubine« vom chinesischen Regisseur Chen Kaige ist ein hinreißendes Stück Kino-Kunst ohne Konkurrenz. Drei Stunden dauert der ungemein sinnliche Farben- und Klangrausch — viel zu kurze Stunden, die den Zuschauer in eine atemberaubend schön und trotz vieler brutaler Szenen zart erzählte Geschichte entführt.

Kaige und sein Stab, die sämtliches Lob (einschließlich der »Goldenen Palme« in Cannes 1993) alleine schon für die traumhaften Bilder und Licht-Spielereien verdienten, erzählen virtuos gleich mehrere Geschichten. Die sind mit enorm geschickten dramatischen Kunstgriffen untereinander verwoben — und die Schauspieler, allen voran Leslie Cheung in der Rolle des Konkubinen-Spielers Cheng, fesseln mit sehr feinem, zurückgenommenem Spiel.

Da ist nichts von der platten, vordergründigen »Anmache« zu spüren, mit der Hollywood in den letzten Jahren die Zuschauer lockt, keine Sexszene zu sehen. Erotisch bis zur Gänsehaut ist »Lebewohl meine Konkubine« wahrscheinlich auch gerade deswegen.

Die berstende Sinnlichkeit des Films ist aber schon im Thema versteckt. Es geht um die weltberühmte, traditionsreiche Peking-Oper, es geht um zwei Schauspieler, um Schein und Wirklichkeit und die dünne Grenze dazwischen: Die Jungen Duan und Cheng wachsen in der knallharten Ausbildungszeit zum Spieler immer mehr zusmamen, sind nicht nur auf der Bühne — dort als Kaiser und Konkubine – ein Paar.

Cheng kann Fiktion und Realität nicht mehr trennen, sieht sich tatsächlich als bis in den Tod ergebene Konkubine seines Freundes Duan. Der heiratet, längst wie Cheng zum Star geworden, eine ehemalige Hure: die Konstellation der Protagonisten kommt Cineasten bekannt vor.

Eine andere bahnt sich an: Die Kulturrevolution wirft Tradiertes auf den Scheiterhaufen, macht das Oben zum Unten.

Kaige hat seine Geschichte von der Oper in der Oper in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet; der Film überstreicht von 1920 bis etwa 1970 ein halbes Jahrhundert politischer Stürme, die dem Reich der Mitte unendlich viel menschliches Leid gebracht haben.

Da kommentiert Kaige dann auch. Nicht überdeutlich, aber unmißverständlich nimmt er Stellung: Am Anfang agieren alle miteinander, gegen Ende gibt es nur noch Häme und Verrat und der großen Familie der Schauspieler, in der Duan aufgewachsen ist, steht eine shnapsgeschwängerte, ärmliche Ehe-Tristesse gegenüber.

Der Theaterfreak Cheng hat die Oper nie verraten, ließ sich lieber von der Volksbefreiungsarmee ins Gefängnis stecken, als Kompromisse zu machen. Wirklich ist für dieses geschlechts- und körperlos erscheinende Wesen nur die Phantasie — und in der ist Duan immer noch der König.

Als die beiden alt gewordenen Schauspieler noch einmal die Szene spielen, in der sich die von ihrem Herrn verstoßene Konkubine umbringt, verschmelzen Sein und Schein endgültig: Cheng ist tot.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. Dezember 1993