Schlaflos in Seattle: Von der Magie der Liebe

Sam ist ein trauriger Alleinerziehender. Seine Frau ist gestorben; der Architekt und sein Sohn Jonah leiden schwer an dem Verlust. Als die Moderatorin im Radio nach Weihnachtswünschen fragt, ruft Jonah an — und wünscht sich eine neue Liebe für seinen Vater. Sam erzählt seine Tristesse über den Sender. Folge: 3 000 Briefe äußerst verständnisvoller Frauen.

Annie hört Sams Stimme in der entgegengesetzten Ecke der USA im Auto und verliebt sich in den traurigen Mann — obwohl sie kurz vor der Heirat mit dem schnieken Allround-Allergiker Walter steht.

Nora Ephron, Regisseurin und Autorin von »Schlaflos in Seattle«, hat eine klassische Ausgangssituation für ihre Liebeskomödie konstruiert. Genauso klassisch sind die Verwicklungen, in die Meg Ryan als Annie und Tom Hanks als Sam geraten, bevor sie sich nach 100 Filmminuten Händchen haltend auf dem Dach des New Yorker Empire State Building endlich haben.

Annie kann die Stimme Sams nicht vergessen. Als sie zusammen mit ihrer Freundin vor dem Cary-Grant-Film »Die große Liebe meines Lebens« halbe Eimer vollheult, beschließt sie, Sam einen Brief zu schreiben und ihn am Valentinstag (aha…) in New York kennenzulernen.

Die Grant-Zitate sind nicht die einzigen nostalgischen Momente des Films — er ist geradezu gespickt mit altmodischen Elementen: Der musikalisch feine Soundtrack mit Ray Charles, Nat King Cole, Louis Armstrang und Sven Nykvists souveräne Kameraführung tragen zusätzlich dazu bei, daß diese witzige und warmherzige Love-Story wirklich eine »sentimental journey« wird.

Nykvist, zweifach »Oskar«-preisgekrönter langjähriger Kameramann Ingmar Bergmans, hat Nora Ephrons Geschichte mit viel Gefühl und ganz unaufdringlich fotografiert:

Keine grellen Farben, lange Einstellungen, viel perfekt ausgewogene Nahaufnahmen. Den kleinen Jonah zeigt der Routinier beispielsweise auf dem Wolkenkratzer-Dach ganz einsam: Er zoomt vom müden Gesicht des Jungen weg, über das Gebäude, Manhattan — und zuletzt über ganz New York hinweg.

Dorthin ist Jonah trickreich geflogen, weil er Annie treffen will, wenn schon sein Daddy kein Interesse hat. Annie ihrerseits, man ahnt’s, ist unterwegs nach Seattle — und Sam nach New York, seinen Sprößling einzufangen… Der Rest der Geschichte wird hier nicht erzählt. Nur soviel noch: Jonahs Teddybär ist letztendlich an allem schuld.

Nora Ephron, die schon das Buch zu »Harry und Sally« schrieb, ist eine tolle, keine Sekunde langweilige Geschichte eingefallen. Und weil offenbar das ganze Team hochmotiviert war, ist daraus auch ein spannender, berührender, selten wirklich kitschiger Liebesfilm geworden. Angucken!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 18. September 1993