James Brown: Immer noch „Mister Dynamite“

Gebeugt und ausgelaugt sah die Soul-Legende aus, als sie sich in einen hlauen Glitzermantel gehüllt vom Ansager von der Bühne führen ließ. Das war nur Schau: Kaum war James Brown hinter den Boxentürmen verschwunden, raste er wie ein Teenie wieder auf die Mitte der Bühne und rührte kraftvoll »Please Please nie«.

Der »Gottvater des Soul« meldete sich nach längerem Gefängnisaufenthalt 63jährig in Stuttgarts Schleyerhalle zurück — und rund 3 500 Besucher applaudierten dem Funk-Musiker, der seit mindestens 20 Jahren Legende ist.

Da war nichts von Müdigkeit oder Ausgebranntsein zu spüren. Wie eh und je dirigierte Brown mehr als zwei Stunden lang mit knappen Handbewegungen seine bestechend professionelle Band, kreischte, schluchzte und schrie seine Lieder inmitten von sieben Tänzerinnen heraus und führte die Zuhörer durch ein »Best of«-Programm.

»Living in America« und »I’m bad« ganz zu Anfang der aufwendigen, aber nie protzigen Show waren die neuesten Songs; ansonst griff James Brown (und das war gut so) ganz tief in den musikalischen Fundus seiner 38jährigen, wechselhaften Karriere.
»Funky good time«, ,»It’s a man’s, man’s world«, „Try  me«, » „Prisoner of Love“, »Cold Sweat«, »Papa’s got a brand new bag«, »Please, Please me« und, natürlich, »Sex Machine« — Brown ließ keinen seiner Hits aus und sang die zum Teil 40 Jahre alten Lieder so, als ob sie ihm gestern eingefallen wären.

Die Band spielte klassischen Rhythm ’n‘ Blues, Funk und Soul schnörkellos und ohne technische Mätzchen. Der Meister ließ es sich nicht nehmen, selbst in die Tasten der betagten Hammond-Orgel zu greifen und würdigte in einem Medley große Kollegen von B. B. King über Sam Cooke bis hin zu Jimi Hendrix.

Nicht, daß James Brown irgendetwas Neues zu Gehör gebracht hätte. Das Konzept und die Inhalte seiner Schleyerhallen-Show sind seit Jahrzehnten bekannt und oft kopiert worden. Prince und Michael Jackson sind die bekanntesten der unzähligen Künstler, die von »J. B.« gelernt hahen. Aher, und das zählt viel, die Kämpfernatur Brown war auch nicht viel schlechter als zu seinen allerbesten Zeiten Mitte der 60er.

Und viel, viel besser als seine beiden Vorgruppen — die von der Berühmtheit her eigentlich beide für ein eigenes Konzert gut genug gewesen wären. Die britischen Jazzfunker von »Incognito« und das Disco-Projekt »Soul II Soul« um den Studiotüftler Jazzie B. verblaßten angesichts der Energie und Perfektion, mit der James Brown und seine Truppe auftraten.

»Incognito« überzeugten mit 70er-Jahre- Musik (»Pick up the pieces«), die für die Disco-Tanzfläche gemachte Synthetik von »Soul II Soul« klang dagegen in der Schleyerhalle extrem schludrig und ließ keinerlei Stimmung aufkommen. Gegenüber der musikalisch wie optisch ausgereiften Show James Browns wirkten die »Soul II Soul«-Rhythmen aus dem Sampler geradezu lächerlich. (mpg)