Margaret Minoeff: Typen-Show im Kabarett

Eine schnelle, vielfältige Typen-Show zeigte die gebürtige Nellingerin Margerit Minoeff vor knapp 100 Besuchern bei den „3. Gomaringer Kleinkunsttagen«. „Reizpunkte“, so der Titel des dritten Sologramms der umfassend ausgebildeten (Tanz, Musical, Schauspiel plus Geisteswissenschaftliches) Spielerin, brachte im ganz und gar nicht reizvollen Aula-Ambiente der Schlossschule auch in den Texten teilweise herb formulierte Kritik an die Ohren der Gomaringer heran. Kabarettistisches Cabaret, oder was?

Genau das macht die Minoeff; ihre Stärken lagen allerdings eindeutig mehr auf der Show-Seite als auf der des klassischen, verbal beißenden Kabaretts. Da spielte sie beispielsweise differenziert angelegt zwei schwäbische Omas, die sich vor den Friedhof über den kommenden Wahltag unterhalten. Dass sie CDU wählen, ist klar, dass sie schwarz tragen, auch: »Wenn d‘ CDU wählscht, wählscht d‘ Tote glei mit«.

Die Besucher schmunzelten über eine aufgetakelte, zu spät kommende und entsetzlich plappernde »Pressetussi«, die eigentlich gar nicht kommen wollte, aber »wissen Sie, ich muss — Auftragsarbeit«. Sie lachten über die phonetisch gut parodierte Sächsin, die auf Ibiza über die vielen abgetakelten Wessi-Machos stöhnt. Und sie kreischten fast, als die blondmähnige Schauspielerin — selbst ein offensichtlicher Reiz-Punkt — einen Mann (knackiges Gomaringer, nicht Reutlinger Mittelalter, wie Margerit Minoeff fettnäpfchentapsend vermutete) aus dem Publikum auf die Bühne holte und ihn als Co-Spieler einer Psychodoktor-Szene ziemlich kräftig und eindeutig anmachte.
Mit Perücke spielte Margerit Minoeff blödelnd »Romeo und Julia« an — nach vierzig Jahren Ehe . . . Sie ließ eine Naive bekennen »Mei Guru isch soo goldig« und lud zum »Esoterischen Sondertraining« ein.

Außer ihrem spielerischen Talent zeigte die Minoeff auch viel Musikalität. Die klassische Chansonette hatte sie in Gomaringen ebenso im Programm wie Kabarett-Songs oder jazzigen A-cappella-Soul (»The man I love«).

Besonders beeindruckend war »Reiz-Punkte« gegen Ende. Da besang die Kabarettistin mit lila Perücke und technisch gutem Nina-Hagen-Gekiekse zum stampfenden HipHop- und Techno-Playback mit Blasmusik-Refrain die »deutsche Einheit, deutsche Kleinheit«. Als Punkerin brandmarkte sie, dass die Leute »null Bock auf Zärtlichkeit, ey« hätten. Nach fast zwei Stunden verabschiedete sich Margerit Minoeff vom laut applaudierenden Gomaringer Publikum — und wurde zur Zugabe gerufen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. September 1992