Jontef: Jiddische Lieder

Das dritte Programm der Tübinger Musikgruppe »Jontef« — das jiddische Wort bedeutet Festtag — mit dem Titel »Klejne Mentschelach« gab’s im ausverkauften Tonne-Keller zu hören. Rund 80 Leute kamen, um Geschichten und Lieder, Witze und Anekdoten ostjüdischer Tradition zu hören; sie wurden von Michael Chaim Langer (Gesang), Wolfram Ströle (Geige, Gitarre) und Joachim Günther (Klarinette und Akkordeon) glänzend unterhalten.

Michael Chaim Langer erzählte aus dem Schtetl, von der Grundschule Chejder, vom Heiraten, Abschiednehmen und dem Alltag der kleinen Leute. Geschickt waren Sachinformationen in den mitreißenden musikalischen Rahmen eingebaut, ohne daß die Vorstellung zur Schulstunde wurde.

Die Besucher lernten den Schadchn, den Heiratsvermittler kennen, der die Männer von der Straße weg unbarmherzig unter die Haube bringt, nahmen an einer Hochzeit teil und lachten kräftig über religionsphilosophische Fragen, die laut Langer der Besuch der Talmudschule nach sich zu ziehen hatte: »An welchem Tag pflückte Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis? Wie lang war Jacobs Leiter? War das eine Schiebeleiter, oder was? Und überhaupt — wieviel Sprossen hatte die eigentlich? Als der Herr mit der rechten Hand das Meer teilte, was tat da seine linke?«

Langer, der ständig Charaktere anspielte und vor schauspielerischem Elan nur so sprühte, erzählte hinreißend Witze und Anekdoten — und sagte auch, daß der vielgerühmte jiddische Humor ein seelischer Ausgleich für viel Not war.

Musikalisch bot die seit vier Jahren existierende Gruppe dieselbe Qualität »handgemachter« Musik, die schon die vorigen Produktionen »Der Himmel lacht« und »Wenn der Rabbi singt« auszeichnete.

Ob laut und kräftig schmetternd oder wie in »Bakosche oijgn« beinahe flüsternd — Langer sang souverän, intonationssicher und mit großer Variabilität im Ausdruck. Joachim Günther erwies sich als exzellenter Klarinettensolist, der durch seine bewegliche, im Ton überaus warme und zärtliche Phrasierung auf seinem Instrument ganze Geschichten erzählt. Wolfram Ströle legte stellenweise aherwitzige Tempi vor und improvisierte technisch brillant, ohne daß der nusikalische Gehalt seines Spiels litt. Die Leute gaben ihrem Vergnügen an dem so lebendg;en »Kleine Mentschelach« mit kräftigem und anganhaltendem Applaus Ausdruck und forlerten am Ende erfolgreich Zugaben.   (mpg)