Kabbaratz: Nur mäßig witzig

„Gnadenlos schön“ ist der Titel des Programms, mit dem die Darmstädter Kabarettgruppe »Kabbaratz« im völlig überfüllten Saal des Hauses der Jugend gastierte. Eigentlich hätte diese »Kulturlaub-Spezial«-Veranstaltung wegen des schlechten Wetters ja vom Spendhausgarten in den Bibliotheksmarkt verlegt werden sollen. Weil den Künstlern dort aber die Bühne zu niedrig und der Bücher zuviel waren, durften die Besucher sich nicht nur wie in der Sauna fühlen, sondern mussten sich auch noch — wegen der massiven Fachwerkpfosten in dem kleinen Raum — kräftig die Hälse verrenken.

Es lag nicht nur an der unerträglichen Schwüle, dass der Kabarettabend eine ziemlich zähe Sache war; Manfred Fleck, P. J. Hoffmann, Evelyn Wendler und Jörg Weber halfen mit oft allzu flauen Witzeleien, die schauspielerisch viel zu dick aufgetragen waren, kräftig mit.

Alle reden voneinander vorbei — keiner hört mehr zu: Um dieses Thema drehte es sich bei »Kabbaratz« immer wieder. Der Kunstsinnige im Kabarett-Quartett freute sich »über diese geschmackvollen Pfosten« (im Saal), der Doof-Naive, vom Typ her ein »Martin« von Dieter Krebs, erzählte wie schön er doch als Kind die »Augsburger Puppenkiste« fand. Klaus-Dieter war in Anlagen vor kurzem schlecht beraten und säuft »Urstoff« in atemberaubender Geschwindigkeit. »Ja logisch« — Dliii interessiert nichts, weil er sowieso schon alles weiß. Die Frau unter diesen netten Typen regt sich über alles auf und ist unbedingt frustrationsbereit.

Diese vier Typen äußerten sich in »Gnadenlos schön« manchmal hessisch babbelnd, meist hochdeutsch nuschelnd, zu Gott und der Welt. Wirklich witzig war die Paarszene, wo sie über Probleme in der Beziehung reden will und er sich in »Ja-logisch«-Tiraden stürzt: »Man kann sich mit dir ja gar nicht mehr unterhalten« — »Ja logi. . . Du, wir könnten mal wieder miteinander schlafen«.

Oder — beißend ironisch — Evelyn Wendlers Variationen zum § 218, die in der Frage gipfelten, wie denn die Welt aussähe, wenn der Papst abgetrieben worden wäre.

Ein Glanzlicht setzte Manfred Fleck der von den Zuhörern freundlich beklatschten Vorstellung mit seiner »Aufklärungsnummer« auf: »Kalli, du bist jetzt in einem Alter, wo der Blick weiter und der Horizont enger wird«, meinte der Papa — und hatte mit seinem Sohnemann dann ganz andere Probleme, als die Zuschauer glaubten. Es ging schon darum, den Baby-Fertigungsprozess zu erklären, aber der imaginäre Sprößling interessiert sich einfach für was anderes. »Kalli, es gibt kaum noch Menschenfresser, die Frauen die Brüste abschneiden«, meinte der verzweifelt argumentierende und didaktisch wie pädagogisch schwer schlingernde Vater zu seinem nur an Horror-Videos interessierten Sohn.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 21. Juni 1992