Dieter Trieß: Zug-Kabarett mit wenig Fahrgästen

„Das Leben in vollen Zügen“ heißt das aktuelle Kabarettprogramm des Esslinger Schauspielers und Kabarettisten Dieter Trieß, das in reichlich ungewöhnlicher Präsentation auch in Reutlingen zu sehen war: Trieß machte in einem Waggon auf dem Gleis la des Hauptbahnhofs Station.

Kaum ein Dutzend Zuhörer hatte Lust auf Kabarett. Obwohl die Tournee seit Oktober letzten Jahres sehr gut laufe, kämen seit Ausbruch des Golfkriegs deutlich weniger Leute, sagte Trieß.

Für sein zweites Soloprogramm, das unter Mitarbeit von Hilga Wesle entstanden ist, fuhr der Zug-Fan Trieß kreuz und quer durch das Land, belauschte Mitreisende und fand so Stoff für seine Bahn-Geschichten. »Früher bin ich so oft Bahn gfahre, daß ich oft gar kai Luscht zum Schwätze ghabt hab«, läßt Trieft eine pausenlos plappernde Dame im Abteil sagen, »in Berlin noch damals, der Anhalter Bahnhof, heut‘ ja nimmer, sie wirket richtig anregend auf mich, oder isch’s bloß der Kaffee, ach ich weiß nicht«…

Trieß schöpft aus dem prallen Leben in den Zügen, erzählt vom verklemmten Rendezvous mit Francoise in der Nacht, vom Feinschmecker im Speisewagen oder von Bahnsteiggesprächen: »Zehn Minute Verspätung hot er jetzt schon, Ha, da brauche mr wenigstens net so lang warte, äh, zehn Minute isch er scho mol gwä, und die hot er ja, die Verspätung, heit au, gell, so fügt sich eins ins andere, in letschter Zeit immer«.

Trieß, der in Reutlingen in der »Tonne« auch mit seinem ersten Soloprogramm »Die Uhr schlägt. Alle.« zu sehen war, porträtiert diese und andere Zugfahrer liebevoll und sehr genau. Und dank seiner schauspielerischen Fähigkeiten wirken die Typen, ob komisch oder anrührend, immer echt. Die Besucher zeigten sich vom Kabarett-Leben im Zug sehr angetan, auch wenn der in Reutlingen nicht ausgelastet war.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. Januar 1991