Knitting Factory Festival ’90: Spannendes aus dem Big Apple

Einst gehörte er zu den wilden Männern, die die sicheren harmonischen und rhythmischen Pfade verließen, um der Welt den Free Jazz zu bringen. Beim Abschlußkonzert des zweitägigen »Knitting Factory Festivals« in der Tühinger Uni-Mensa in der Wilhelmstraße zeigte der Gitarrist Sonny Sharrock in einem beeindruckend intensiven Konzert, daß er heute, wie viele seiner Kollegen aus den 60ern, im wahrsten Wortsinn so frei ist, die ganze Palette schwarzer Musik und deren Kinder in sein Spiel zu integrieren.

Da gab es harten, großstädtischen Blues zu hören, der unvermittelt in chaotischen, Punkt-beeinflußten und dennoch tiefschwarzen Rock-Funk ühergeht. Da gab es eine Rock-Gitarre zu erleben, die an das Spiel von Jimi Hendrix erinnert und dennoch ähnlich melodieverliebt und sanft ist wie Carlos Santanas Phrasierung zu besten Zeiten. Fast schon zickige Zydeco- und Cajun-Fragmente wechselten mit energiereichen »Kollektivimprovisationen«, ähnlich der Musik eines »Mahavishnu Orchestra«. Leise, zarte Töne heherrscht der Gitarrist mit dem Blues im Hinterkopf genauso wie brachial verzerrte Gitarren-Gewitter.

Die vier Musiker um Sharrock spielten in Tübingen wie aus einem Guß: Speziell das atemberaubende Rhythmus-Trio aus den beiden Schlagzeugern Lance Carter und Abe Speller und dem Hünen Melvin Gibbs am Baß hat großen Anteil an dem erfrischenden Konzept der neuen »Sonny Sharrock Band«. Carter und Speller trommelten wie die Wilden, schlugen die kompliziertesten Rhythmusfiguren umeinander herum, um sich im Timing zwingend exakt und traumhaft sicher wieder in gemeinsamen Rhythmen zu treffen. Melvin Gibbs beherrscht auf seinem Baß hingetupfte, filigrane Akkordkombinationen genauso wie treibendes Funk-Spiel.

Funk und Blues zogen sich wie ein roter Faden durch das zweitägige Festival mit Gruppen aus der »Knitting Factory«, dem zur Zeit wohl wichtigsten Club des »Big Apple« New York. Die »Jazz Passengers« etwa, die das Festival eröffneten, hatten in ihrer bläserbetonten Musik ständig Bezüge zu den Wurzeln schwarzer Musik. Diese achtköpfige Gruppe präsentierte ein ansprechendes, weil mit Humor, Lockerheit und Swing vorgetragenes Gemisch aus brodelndem »Electric Jazz« a la »Bitches Brew«, Blues, Funk und allerlei verulkten Schlager-Tönen. Ähnlich wie die »Lounge Lizards«, wo drei der »Jazz Passengers« ebenfalls spielen, ist dem Oktett das virtuos-distanzierte Spiel mit den verschiedensten Elementen aus Jazz, Black Music und Pop wichtiger als ein »ernstes« Konzert.

Wesentlich kopflastiger, aber auch mit immer vorhandenen Bezügen zur schwarzen Musik der Straße war die Musik der Gruppe »Curlew«. Besonders interessant waren hier die »heißen« und oft stark elektronisch verfremdeten Cello-Töne von Tom Cora, die in reizvollem Kontrast zum blueslastigen Gitarrenspiel von Davey Williams und dem treibenden Rock-Baß von Ann Rupel standen.

Die »Knitting Factory« und die Musiker, die dort auftreten, kümmern sich nicht um Stilschubladen. Die Auswahl der sechs Gruppen berücksichtigte auch Avantgardistisches aus dem Rock-Bereich: Das Trio »Miracle Room« machte mit selbstgebauten Saiten-Instrumenten, die parallel als Melodie- und Rhythmusinstrumente eingesetzt wurden, eine meditativ-psychedelische Musik, die ähnlich wie die der englischen »Spacemen 3« auf minimalistische Kompositions-Konzepte und stark verzerrte Gitarren aufbaut.

Da wirkte das Trio um die junge Pianistin Myra Melford, das am ersten Festival-Tag bis spät in die Nacht spielte, fast schon konventionell. Spannend war die Klaviermusik mit starken Einflüssen von Bill Evans genauso wie Cecil Taylor trotzdem.

»Weltmusik« der interessantesten Sorte gab es vor Sonny Sharrock von der Gruppe »Bosho«. Die Formation um die Sängerin und Perkussionistin Kumiko Kimoto war der Publikumsliebling beim Tübinger Gastspiel des „Knitting Factory Festivals“. Neben Einflüssen afrikanischer Musik und einem zwingenden Rhythmusteppich von Schlagzeuger Yuval Gabay im Verbund mit Kumiko Kimoto waren hier starke Anklänge an arahische und asiatische Harmonik zu hören. Dazu kamen bei »Bosho« noch fließend in den Gesamtklang eingebaute Rock-Zitate und virtuoser Umgang mit dem vielfältigen Erbe schwarzer Musik.

Kumiko Kimoto spielte ihr umfangreiches akustisches und elektronisches Perkussions-Areal mit einer unglaublichen Energie und Intensität und brachte das kleine Kunststück fertig, hei all dem Getrommle und Herumgehüpfe auch noch vielseitig zu singen. (mpg)