Ensemble Ellen Schwiers: Im Sauseschritt durch die Tragödie

Der Metzinger Veranstaltungsring hatte zu »Romeo und Julia« von William Shakespeare in die Stadthalle eingeladen. Auf die Bühne gebracht wurde das Trauerspiel von dem im bayerischen Berg beheimateten Schauspieler-Ensemble um Ellen Schwiers und Peter Jacob.

Unter der Regie von Peter Jacob spielten sich die Darsteller mit passablen, teilweise herausragenden Leistungen durch die zweieinhalbstündige Tragödie. Die Handlung ist bekannt: Romeo und Julia gehören zwei miteinander verfeindeten Familien an und verlieben sich ineinander. Von der Hochzeit der beiden wird eine Versöhnung der Montagues und Capulets erhofft. In einer Streiterei wird ein Freund Romeos, Mercution, tödlich verwundet. Romeo, der eigentlich Frieden will, rächt seinen Freund und ersticht Tybalt, den Neffen der Gräfin Capulet. Er wird aus Verona, wo das Stück neben Mantua spielt, verbannt.

Julia soll gegen ihren Willen den Grafen Paris heiraten. Um der Verbindung zu entgehen, nimmt sie ein Gift, das sie in einen langen, todähnlichen Schlaf versetzt. Durch widrige Umstände erhält Romeo die Falschinformation vom Tod Julias. Er besorgt sich Gift und bringt sich um. Julia erwacht, küsst den toten Romeo und nimmt sich mit einem Dolch das Leben. Die verfeindeten Familien versöhnen sich im Anblick der beiden toten Liebenden.

Die Darsteller des weltberühmten Liebespaares, Robert Eder als Romeo und Linda Sixt in der Rolle der Julia, vermochten deutlich ein Bild von zwei jungen Leuten zu vermitteln, die sich einen Dreck um die Familienfehden kümmern wollen, aber immer tiefer und tragischer darin verstrickt werden.

Die herausragende schauspielerische Leistung an diesem Abend bot zweifellos Ellen Schwiers, die trotz gebrochenem Arm die Rolle der Amme von Julia mit Witz, Verve und viel Ausstrahlung über die Bühne brachte.

Albert Dannemann spielte nicht nur den Montague, sondern machte auch noch Musik. Er tritt normalerweise mit einer Formation auf, die sich mit mittelalterlichem Liedgut beschäftigt und sich passend »Des Geyers schwarzer Haufen« nennt. Seine Mitmusiker Thomas Roth und Albrecht Schmidt-Rheintaler waren als Gregorio und Abraham, Bediente der Familien Capulet und Montague, ebenfalls doppelt belastet; Schmidt-Rheintaler spielte seine mittelalterlichen Instrumente wesentlich besser als den Shakespeareschen Text.

Die Ausstattung der Bühne (Lothar Kirchem) geriet wie die Kostüme (Heidrun Schmelzer) seltsam uneinheitlich. Angedeutete, fast schon »postmodern« anmutende Mauern und Wände, dazu deutlich als Lackfolie identifizierbare rote Vorhang-Attrappen, Julias Balkon fast als fahrbare Flugzeug-Passagiertreppe — soll solcherlei das Stück »aktualisieren«?

Egal, das Publikum in der halbvollen Metzinger Stadthalle freute sich über das Gebotene, vor allem über die exzellent von Klaus Figge choreographierten Fechtszenen, die mit viel Aktion und Tempo fast schon etwas überbetont wurden. Weniger erfreulich war — neben der bekannt schlechten Akustik — gelegentliches Textleiern und vor allem das ungeheure Tempo, mit der manche Schauspieler durch Shakespeares Dichtung jagten. Das alles machte »Romeo und Julia« unverständlicher und anstrengender, als es hätte sein müssen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 14. April 1990