Ulf Borchardt: »Ausgerechnet wir« zum Beispiel

Knautschke sitzt in Afrika, langweilt sich furchtbar und ist stolz, ein Deutscher zu sein.

»Hier sieht’s aus wie im Bayerischen Wald nach einem Super-Gau in Wackersdorf«, sagt Knautschke und vermisst die heimische TV-Fernbedienung. In der Bild-Zeitung, die schon ein Jahr alt ist, sieht er ein Stück Heimat. »In Afrika haben wir wieder einen Sinn«, sagt der Entwicklungshelfer, »bevor du verzweifelst, erinnere dich, dass du ein Deutscher bist.«

Es hat seine Vorteile, fern der Heimat zu sein: »Manchmal könnte ich hier deutscher sein, als es in Deutschland erlaubt wäre«, meint Knautschke und freut sich über die Unterwürfigkeit der »Eingeborenen«, die zwar »nicht so sauber sind, dafür aber ständig lachen«.

Im ersten Teil des mittlerweile siebten Soloprogramms, das den Titel »Ausgerechnet wir» trägt, beschäftigt sich der Berliner Kabarettist und Satiriker Ulf Borchardt mit dem Deutschsein aus der Fernsicht. Die Figur Knautschke spuckt, solange sie in Afrika »den Eingeborenen das Essen mit Messer und Gabel beibringt«, große Töne: »Wenn es uns nicht gäbe, müsste Deutschland wieder Kolonien erobern.«

Borchardt läßt Knautschke in Afrika Sachen sagen, über die das Publikum der »Kleinkunstbühne im Rappen« lachen kann. Geschickt verschachtelt redet Knautschke über alles und jeden, hat Sehnsucht nach deutschen Talkshows (!), fühlt sich aber im großen und ganzen pudelwohl: »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, mit Schutzfaktor sechs«.

Als Knautschke in die Bundesrepublik zurückkehrt, ist er ein Fremder. Er findet sich in der Realität nicht mehr zurecht: »ich konsumiere, also bin ich — auf in die Schlacht ins Sonderangebot.«

Der zweite Teil des 120minütigen Programms von Ulf Borchardt ist Deutschland und der deutschen Demokratie — bei Knautschke/Borchardt ist es eine »Demokratur« — gewidmet, eine bitterböse Abrechnung mit all dem, was hier besser sein könnte. »Nur zehn Prozent der Deutschen sind glücklich -hat unsere Pharmaindustrie versagt«? lautet die Frage.

Borchardt spricht all das an, was man schon längst weiß und es am liebsten schnell wieder vergisst. Die Zeiten sind seit seinem letzten Besuch in Reutlingen vor eineinhalb Jahren härter geworden — der Kabarettist auch. Kohl ist »der beste Kanzlerstuhlwärmer, den es je gab«, und Jenninger »hat nur die Rede gehalten, die Kohl schon in Bitburg halten wollte«.

Die Leute bekommen in »Ausgerechnet wir« ein Horrorszenario der deutschen, europäischen, weltweiten Realität vorgesetzt, das nun gar nicht mehr zum Lachen ist.

Sicher, die Pointen sind scharfzüngig-witzig formuliert, wie man das erwartet, wenn man ins Kabarett geht; Borchardts Sprache und seine schauspielerischen Qualitäten zwingen zum Zuhören –  bei dem Inhalt möchte man weghören, so wahr ist das, was der Mann aus Berlin zu sagen und zu beschreiben hat.

Da wird die »Beerdigung der Humanität« prophezeit, und keiner lacht, weil jeder weiß, dass sie in den letzten Zügen liegt.

Knautschke ist verbittert, seine Frau ist ihm davongelaufen und beim Wachdienst. wo er nach langer Jobsuche »als Zivilist in Uniform militärisch grüßen darf«, hat auch er nichts zu lachen. »Ich muss mir Mut machen«, heißt es am Ende des Programms, »Oh du fröhliche« erklingt auf einer afrikanischen Flöte: »Hauptsache ist, irgendeiner bringt die Mülltüte weg».

Das Publikum wurde durch die Vorstellung schon mehr als nachdenklich gestimmt. Um einigermaßen leben zu können, geht man wieder zur Tagesordnung über, verdrängt und vergisst. »Lasst uns die Hoffnung doch verteidigen«, hieß es gegen Ende des letzten Programms de Humanisten Borchardt. Es scheint, als ob der Kabarettist sie schon verloren hat. Wäre das verwunderlich?

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 28. Februar 1989