Ulf Borchardt: Kabarett der Spitzenklasse

Schon gleich zu Anfang war klar, was kommen würde: »Auch wenn an der Treppe steht Hirn einziehen — im Gegenteil, wir fahren es aus!«.

Ulf Borchardt ging gleich in die Vollen, redete die nächsten eineinhalb Stunden über alles und jeden und präsentierte literarisches Kabarett, wie man es in Reutlingen noch nicht und anderswo nur sehr selten gesehen hat. Eine durch und durch gelungene Mischung aus Witzigem (Borchardt zu AIDS: Kohl meinte, AIDS könne nur duch AIDS besiegt werden; durch Aussitzen in der Sache) und eher Nachdenklichem begeisterte mit bitterbösen Sprachbildern (soweit, wie Borchardt geht, traut sich sonst kaum einer) und leisen Texten, durch deren Resignation immer eine zutiefst humane Einstellung sichtbar wurde.

Im »Brief meiner Großmutter« an den Bundeskanzler erzählt der Kabarettist von einer Trümmerfrau des Jahrgangs 1921, der zwar sehr wohl von Kohl die Hand geschüttelt wird, die sich aber zuletzt umbringt, weil ihr die Miete um 80 Mark erhöht wird und sie das Geld nicht aufbringen kann — Kindererziehungsgeld bekommen alle, die vor dem Jahr 1907 geboren sind.

Über das Gespenst der »Wiedervereinigung« philosophiert Borchardt ebenso hintergründig-intelligent (Helmut Kohl kann dann »in die DDR reisen, damit er mal so richtig bejubelt wird«) wie über politische Verantwortung: »Wenn alle deutschen Politiker ihre politische Verantwortung wahrnehmen würden, wären schon in Baden-Baden die Badewannen verstopft.«

Einer der Höhepunkte (wenn man die bei solcher Qualität überhaupt gesondert ausmachen kann) war das Gespräch eines Mannes mit einer Frau, die ihn »abschleppen« will — nur hat er keine Lust. Hier wurden die Rollenklischees zuerst andersherum vorgeführt, um dann gegen Ende dieser Szene überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein.

Der Künstler fragt sich, was die Männer ohne Frauen wären (»Herumstreunende Samenträger« und »Wir würden doch ohne Krawatte auseinanderfallen«) und nimmt einen Drehbuchauftrag für eine neue TV-Serie (»Peter und Heidi bei der Bundeswehr«) entgegen, wo Schimanski als Spieß auftritt, Inge Meysel Kantinenwirtin ist und Belmondo einen französischen NATO-Offizier mimen darf.

Der zweite Teil des Abends wird von einem »deutsch-amerikanischen Freundschaftsabend von ARD und ZDF« bestimmt, wo ein (professionell gespielter) Ansager die Schaltungen zwischen Bonn, Berlin und München — da lässt sich »Our secret-loved king Franz-Josef« feiern und »Österreichische Gäste haben eine Sonderaufenthaltsgenehmigung bekommen« — in bestem Englisch ankündigt: »Sis is se tschörman nätwök«.

Dass Borchardt die Zuschauer bewegt, konnte man nicht zuletzt an einem Gast bemerken, die in den letzten zehn Minuten die Veranstaltung nachhaltig störte. Der Kabarettist: »Ich bin kein Messias. Sie gehören zu diesen Leuten, die von mir Antworten auf ihre Probleme erwarten. Das kann ich nicht.«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 06. Dezember 1987