Scha(r)frichter: Schlagabtausch der »Scha(r)frichter«

»Ob es ihm dabei wohl oder wehe war, er sah nur Kampf, fühlte nur immer das atemlose Gewühl des Kampfes — im Lande wie in seinem Herzen. Weiber, die nur genießen, Männer die nur erraffen, jede uneigennütze Handlung ein Hereinfall, jedes freundliche Gefühl ein Gelächter, nur kalte Neugier für Menschliches anstatt Teilnahme, nur Magersucht sogar bei dem Denker, den Armen vom Gesetz nur gerade das gefährliche Maul gestopft, den Schiebern aber jeder Erfolg auf Erden und im Himmel: das alles war in seinem Herzen schon fertig, als es im Lande erst heranwuchs . . .« — so umschrieb der Schriftsteller Heinrich Mann Frank Wedekind.

Dem heute zu Unrecht fast vergessenen Autor, Schauspieler und Dramaturgen Wedekind (1864 — 1918) setzt die Kabarett-Truppe »Die drei Scha(r)frichter« — benannt nach Wedekinds Kabarett »Elf Scharfrichter« — mit ihrem Programm »Schlagabtausch« ein kleines, aber wirkungsvolles Denkmal.

Auf der Kleinkunst-Bühne des Reutlinger »Rappen« stellten Emilio Ender und Christine Schulz — musikalisch und auch sonst hervorragend und humorvoll unterstützt von Helmut Buob — einen kleinen Teil des Wedekind-Werkes vor: »Lautenlieder«.

In diesen Gedichten und Liedern — heute würde diese Poesie wohl in der Schublade »Chanson« abgelegt — verbindet Wedekind scharfes Beobachten des Zeitgeschehens mit Sozialkritik, grotesken Humor mit Zynismus; sein allerliebstes Thema ist jedoch die Anziehungskraft, die die Geschlechter — physisch wie psychisch — aufeinander ausüben: »Seit gestern morgen ist’s vorbei / Mit Kunigunde/ Wie fühl ich mich so stolz und frei/ Seit jener Stunde/ Und doch, sie war mein höchstes Glück, blieb all mein Sehnen/ Denk ich an ihren Kuß zurück/ dann quellen Tränen«.

Die Kabarettisten bringen die Gedichte Wedekinds fast 70 Jahre nach seinem Tod überaus einfühlsam auf die Bühne — der Humor des Autors, die Lebendigkeit seines Werks ist ständig präsent, ohne daß dabei die Inhalte der Songs verlorengehen.

Gerade durch die Reduzierung der Requisiten wird die Aufmerksamkeit auf das gesprochene und gespielte Wort gerichtet, ohne daß Langeweile aufkommt. Besonders brillieren konnte Christine Schulz in »Felix und Galathea«; andere Höhepunkte des 75-Minuten-Programms waren Lieder wie »Franziskas Abendlied«, »Der Tantenmörder«, »Ilse« oder »Die Hunde«.

Daß die drei Darsteller Frank Wedekind aus der Vergessenheit holen wollen, ist ehrenvoll. Daß sie dies mit diesem Programm und dieser Qualität der Darstellung auch schaffen, scheint sicher.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 27. Oktober 1987