Eva Michels und Rita Zimmermann: Mitreissende Kleinkunst

E(va)riationen mit Heide Michels und Rita Zimmermann beim Kabarett-Abend in der „Zelle“ Reutlingen: Es ging – logisch – um Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern, Freundin und Freundin, Frau und Mann, Emanzipierten und Resignierten. Alles das und mehr nahmen die beiden liebevoll und manchmal auch bissig karikierend kritisch unter die Lupe.

Die Musik Rita Zimmermanns, realisiert auf E-Piano, Synthesizer und Akkordeon, begleitete einfallsreich und passend Texte von Kreisler, Brecht, Hollaender, Kästner, Morgenstern und anderen. Spielszenen unter der Regie von Heide Michels verdeutlichten und unterstützten Text und Musik optisch.

Ob sie nun den seligen Schmalz des Schlagers der fünfziger Jahre (»Mutti, du darfst doch nicht weinen!«) auf die Schippe‘ nahmen oder das Eifersuchtsduett von Bertold Brecht anstimmten; ob sie von einer Frau sangen, die Gäste zum Kaffeklatsch einlädt, um sie dann genüsslich ihren Tigern zum Nachtisch vorzusetzen (»Tigerfest« von Georg Kreisler), oder von einer Haushaltshilfe, die auf originelle Weise den Dienstanweisungen ihrer Herrschaft gerecht wird (»Cäcilie« von Christian Morgenstern) – die beiden »Kleinkünstler« zeigten mit minimalen
und wenigen Requisiten große Kunst und trafen immer genau den Punkt, auf den es ankam.

Dass bei ihrer Vorstellung nicht immer alles perfekt klappte – die Requisiten spielten bisweilen nicht richtig mit -, machte ihnen und dem Publikum nichts aus. Im Gegenteil: die witzigen und spontanen Bemerkungen der beiden Akteure reizten erst recht zum Lachen. Sei’s drum, Heide Michels und Rita Zimmermann zeigten mit ihren »E(va)riationen«, dass man das Thema Frau/Mann oder Frau/Frau nicht immer todernst angehen muss, um auf Misstände aufmerksam zu machen. Lachend erkennt man manchmal besser.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. April 1985